Jan N. Eckmann: Wer plant, ist ortientierungsfähig
„Die Orientierung ist DER zentrale Erfolgsfaktor für einen erfolgreichen Einsatzsprung“
5 Fragen an Jan N. Eckmann, Fallschirmaufklärer-Offizier der Schweizer Armee und Partner der Trion Invest AG, Bern.
1. Als Fallschirmaufklärer springen Sie mit dem Fallschirm aus Fliegern oder werden mit Hubschraubern abgesetzt. Wann und wo beginnt für Sie jeweils die Orientierung?
Proper Planing Prevents Poor Performance. Diese Regel ist bei militärischen Fallschirmeinsätzen keine Binsenweisheit, sondern überlebenswichtig. Bei militärischen Einsatzsprüngen springen wir in der Regel ab 7’500 Meter über Meer mit Sauerstoffausrüstung. In dieser Höhe herrschen Höhewinde mit bis zu 150 Stundenkilometer und Temperaturen bis -50 Grad. Geflogen werden Distanzen bis zu 70 Kilometer auf einer Höhe, wo man normalerweise nur Linienflugzeuge antrifft. Aber im Gegensatz zu einem Linienflugzeug haben wir keine Triebwerke, um den Gleitwinkel korrigieren zu können und keine Flugsicherung, welche uns in unserem Gleitflug in den Einsatzraum überwacht. Nach dem Absprung gibt es kein Zurück mehr. Du bist mit deiner Patrouille autonom unterwegs, und du hast eine einzige Chance, das Ziel zu erreichen. Ein Timeout oder die Möglichkeit eines zweiten Anflugs existieren bei Fallschirmeinsätzen nicht. Die Orientierung sowie die ständige Lagebeurteilung sind deshalb bei Fallschirmeinsätzen zentral. Und die Orientierungsfähigkeit ist das Resultat einer umfassenden Einsatzplanung.
2. Wie und womit können Sie zu jedem Zeitpunkt ihre genaue Position bestimmen und verstehen?
Der moderne Armee-Fallschirmspringer in Sonderoperationskräften ist heutzutage navigationstechnisch umfassend ausgerüstet. Auf unserer Einsatzpackung haben wir eine Navigationskonsole mit GPS, Kompass und Spezialnavigationsgeräten für den militärischen Einsatz. Zudem haben wir Funkverbindung zu unseren Patrouillenmitgliedern und Nachtsichtgeräten bei Nachtsprüngen. Wenn aber die moderne Technik versagt, müssen wir auf Sichtflug umstellen und arbeiten mit geografischen Auffanglinien. Deshalb ist das analoge Kartenstudium bei der Einsatzvorbereitung zentral.
3. Orientierung ist demnach sowohl eine Frage der Vorbereitung als auch der situativen Intuition, der eingesetzten Instrumente und der Erfahrung?
Das ist Korrekt! Die Orientierung ist DER zentrale Erfolgsfaktor für einen erfolgreichen Einsatzsprung. Die technischen Navigationsmittel unterstützen uns bei der Orientierung, und die situative Intuition ist das Ergebnis der Einsatzplanung und Erfahrung.
4. Nach welchen Prioritäten wählen Sie Ihren Weg im Einsatzgebiet? Wie reagieren Sie jeweils auf kurzfristige Veränderungen des Szenarios?
Der Planung des Gleitweges in das Einsatzgebiet ist die Resultierende aus Wind, Bewölkung und Topographie. Diese Einzelkräfte werden in der Einsatzvorbereitung genauestens analysiert und so der Absetzpunkt definiert. Kurzfristige Veränderungen bei Wind und Bewölkung sind aber leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel bei Einsatzsprüngen. Bei der ständigen Lagebeurteilung müssen wir weitsichtig entscheiden, ob es uns zur Landezone reicht oder nicht. Wenn es nicht reicht, müssen wir frühzeitig entscheiden und eine alternative Landezone anfliegen. Bei Gebirgssprüngen in der Nacht kann dies äusserst anspruchsvoll sein.
5. Wie orientieren Sie sich als Fallschirmaufklärer zwischen Risiko und Sicherheit? Gibt es Analogien zu Ihrem Beruf als Vermögensverwalter?
Geschäftlich verwalten wir unsere Kundengelder regelbasiert nach der individuellen Risikofähigkeit und Risikobereitschaft unserer Klienten. Militärisch ist dies etwas anderes. Hier geht es nicht um die Risikobereitschaft – also um ein subjektives Empfinden –, sondern ausschliesslich um die Risikofähigkeit und den militärischen Auftrag. Als Fallschirmaufklärer-Offizier habe ich die Verantwortung, die Patrouille sicher, unbemerkt und möglichst nahe in den vorgegebenen Einsatzraum zu führen, um den militärischen Auftrag zu erfüllen.
